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Sonntag, 19. August 2018

In Beziehung sein




Ich sehe mich und fühle mich

Ich hör mir zu und analysiere mich.


Ich lobe mich und ich ärgere mich.
Ich hinterfrage mich und ich zensiere nicht. 
Ich bin in Beziehung mit mir selbst. 
Ich liebe mich und verkörpere mich.
Ich suche mich und finde mich.
Ich tue viel und ich tue nichts. 
Ich übergebe mich mir selbst.


In Beziehung sein, heißt das Innere in mir zu erkennen. 
In Beziehung sein, heißt auch sich ganz und gar zu akzeptieren. 
Auch die unschönen Dinge.
Auch die Wut. 
Auch die Tränen. 
Auch die Launen.
Auch den Schmerz
Auch die Erinnerungen.
Auch die Erlebnisse.
Auch die Wunden.
Auch die Narben.
Auch die Entbehrungen.
Auch die Erwartungen.
Auch die Abschiede.
Auch die neuen Begegnungen.
Auch die Trauer.
Auch das Glück.
Auch die Zufriedenheit.
Auch die Unzufriedenheit.
Auch die Selbstlügen.
Auch die Offenbarungen.

In Beziehung sein bedeutet du bist dein eigener Schatz, den nur du finden konntest. 
Du bist deine eigene Welt mit ihren Tiefen und Untiefen.
Ihren Oberflächlichkeiten.
Ihrem Mut.
Ihrer Offenheit.
Ihrer Distanz. 
Ihrer Waghalsigkeit.
Ihrer Geborgenheit.
Ihrer Angst.
Ihrer Dramatik.

Ihrer Feigheit.
Ihrer Zier.
Ihrer Würde.


In Beziehung sein bedeutet, dass man sich selbst ernst nimmt.
Und dem Gefühl in sich
einen Platz gibt. 


In Beziehung sein heißt: Man ist sich (ge)Wahr.


Bild: Kolibri selbst gemalt.


Montag, 13. August 2018

Herzensmenschen

Ich sitze hier und mir gehen ganz viele Erinnerungen durch den Kopf, ausgelöst durch eine kurze Whats app Nachricht, mit der ich wirklich nicht mehr gerechnet habe.

Es gab eine Zeit da war ich mit einem Mädchen befreundet, sehr innig, sie war wie eine große Tochter für mich und wir waren ihre Insel, ihr Zuhause, ihr Rückzugsort.
Sie war aussergewöhnlich anders, sie lebte ein Leben außerhalb der Norm.
Es fällt mir schwer die richtigen Worte zu finden, die sie beschreiben. Sie kam ganz ohne Geld aus, denn sie arbeitete hauptsächlich Ehrenamtlich oder lebte von Spenden. Zuletzt hatte sie noch nicht einmal eine eigene Wohnung. Lebte bei Freunden.

Ich habe vor ihr noch nie einen solchen Menschen kennen gelernt und nach ihr auch nicht. Als wir von Südhessen wegzogen, zog sie sich gänzlich zurück. Damals verstand ich ihr Verhalten nicht, ich dachte, wir können doch trotzdem ihre Insel sein, trotzdem Familie für sie bleiben.
Ich war sehr traurig, denn sie war für mich wie eine große Tochter, hätte ich sie adoptieren können, ich hätte es getan.
Sie kam aus einer "gutbürgerlichen" Familie, beide Eltern waren Lehrer. Ihr Bruder studierte Musik und sie war das schwarze Schaf.
Ich kannte ihre Mutter und wir mochten uns.

Heute bekam ich - nach zwei Jahren Pause - eine Nachricht von ihr.

Sie nennt mich Dscho, so erkannte ich wer mir die Nachricht geschickt hat.
Nur wenige Worte und doch:

So viel Sehnsucht in den Worten, so viel Liebe und so viel Leid.

Ich musste erst mal Weinen, weil mir nicht klar war, dass sie immer noch so fühlt. Nach zwei Jahren hatte ich mich verändert, ich hätte sie niemals vergessen, aber ich halte Gefühle nicht fest.  Ich habe mich damit abgefunden keinen Kontakt mehr zu haben. Manchmal sprechen wir noch über sie, meist in Bezug wenn es darum geht, dass irgendwer behauptet es wäre nicht möglich ohne Geld zu leben.

Dann sehe ich diese mittlerweile junge Frau vor meinem inneren Auge. Der aussergewöhnlichste Mensch den ich kenne.

Als ich die Nachricht las brachen meine Gefühle für sie wieder auf und ich fühlte erstmal nur Schmerz, Trauer, ein Gefühl von Verlassenwerden und dann Liebe.
Ich habe nicht gewusst, dass ich sie noch liebte, nach all der Zeit.

Sie war kein Kuschelmensch und doch war sie die einzige die außer Britta, neben mir im Bett liegen konnte. Eines Tages tat sie es einfach, ich war krank, sie legte sich neben mich und erzählte wie ein Wasserfall. Eine Grenze kannte sie nicht, sie war Grenzenlos in ihrer Art, zu leben, zu lieben.

Sie lebte Vegan und ich dachte ihre Distanz liegt  daran, dass ich nicht mehr Vegan lebe. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, warum sie sich distanziert hat. Ich hatte Erklärungen, doch die sind jetzt alle unwichtig.

Jetzt weiß ich, es liegt wirklich nur daran, dass sie nicht damit zurecht kam, dass wir so weit weg leben - für sie war es als seien wir ans andere Ende der Welt gezogen.

Am liebsten würde ich jetzt nach Frankfurt fahren und sie einfach einpacken, in Decken hüllen und mitnehmen...
Wir hätten das auch vor zwei Jahren getan, wir haben es ihr angeboten, aber sie hat abgelehnt. Sie wollte nicht weg aus Frankfurt.
Und wir konnten nicht bleiben.

Unsere Geschichte ist keine Geschichte einer normalen Freundschaft, oder einer normalen Liebe, oder einer normalen Trennung.
Eigentlich ist es eine Geschichte einer Familie, zwei Frauen mit einer älteren und einer jüngeren Tochter.
Ich habe es einmal erwähnt, dass sie für mich wie eine Tochter ist. Sie hat gelacht, "darüber mache sie sich keine Gedanken, sie liebt uns einfach". Über Adoption haben wir  nie gesprochen, es hätte auch keinen Sinn gemacht, ihre Eltern waren wohlhabend, wenn sie sterben erbt sie wenigstens soviel um den Rest ihres Lebens ausgesorgt zu sein.
Aber auch darüber macht sie sich Null Gedanken, Geld war ihr egal, Konventionen waren ihr egal. Sie war ein kleiner Punk mit zerrissenen Klamotten und langen blonden Haaren.

So einfach lebte sie ihre Gefühle aus und so einfach trauerte sie.

Wie nun unsere Geschichte weiter geht - ich weiß es nicht, ich glaube nicht, dass sie sich in ein geliehenes Auto setzt um zu uns zu fahren.
Ich habe ihr geschrieben, ganz viel durcheinander über das was wir vorhaben, wo wir gerade stehen und das wir auf sie warten.

Sie hat jetzt noch 8 Jahre Zeit. Solange werden wir hier in Deutschland bleiben.
8 Jahre um zu uns zu kommen und vielleicht alles zu verändern.

Ich habe gemerkt meine Tür war nie zu, sie war nur angelehnt.

--- etwas später

Sie kommt! Meine große Tochter kommt nach hause. Wir haben geschrieben, geweint, geschrieben.
Sie kommt am 22 August.

Es ist verrückt, ich habe auch ein wenig Angst, keine Bedenken, nur ein wenig Angst vor dieser Begegnung. Werden wir uns noch genauso lieb haben wie früher, oder ist dieser Kontakt nur ein Echo basierend aus einer Erinnerung.

Auf jeden Fall geht es mir gut mit der Entscheidung das sie nach hause kommt und ja so empfinde ich es auch: Nach Hause.

Ich freue mich sehr, ich weine immer noch... es ist gerade sehr viel Gefühl, sehr viel Emotionen auf allen Seiten. Sie kommt nicht alleine, sie bringt ihre Hunde mit, das kann gewaltig in die Hose gehen, oder gut gehen, keine Ahnung wir werden sehen.

Verrückt noch vor kurzem hatte ich diese Sehnsucht in mir nach einem Kind. Ich habe es so tief empfunden und ich habe mit Britta darüber gesprochen. Ich war bereit für eine ältere Tochter. An Sie wollte ich nicht denken, konnte ich auch nicht denken.
Das meine Gedanken flügel haben konnte ich nicht wissen, wie auch.

Sie ist nicht auf Facebook und konnte mein Gesuch nicht lesen. Es war wie ein Wink vom Schicksal.
Und nun ist sie wieder da in meinem Leben.

Typisch von Null auf 100...
So ist sie und so sind wir...

Ich werde berichten, wie das anfing und weiter geht mit unserer WG.
Jetzt muss sie erst mal kommen und dann sehen wir weiter.

Das wichtigste ist, wir sind alle bereit für diesen Schritt... und alles andere

Später.



Freitag, 10. August 2018

Mutter sein



Heute möchte ich über die Erfüllung meines größten Wunsches reden -
mein Mutter sein.

Das wird nicht nur ein schöner Text werden, auch wenn das Thema heute für mich eines der schönsten ist, denn ich bin Mami mit Herz und Seele, gibt es jedoch auch einen Teil meiner Geschichte mit schmerzhaften Erinnerungen.
Meine Tochter ist nicht nur das schönste und liebste Wesen auf Erden für mich, sondern auch die Erfüllung eines Traumes, den ich eigentlich schon lange aufgegeben hatte.

Sie ist nicht unter meinem Herzen gewachsen, sondern in meinem Herzen.
Nicht ich habe sie geboren, sondern meine Frau - für mich.

Eigentlich fängt diese Geschichte mit meiner eigenen Kindheit an und ich schreibe sie heute auf, um allen Frauen die selbst kein Kind bekommen können Mut zu machen. Manchmal sind es nicht die offensichtlichen Wege die zu der Erfüllung eines großen Wunsches führen.

Als ich vier Jahre alt war, wurde ich das erste mal vergewaltigt.
Ich habe lange nicht verstanden was das wirklich bedeutet, erst als meine Tochter vier Jahre alt war, begriff ich wie nah ich damals dem Tode war und wie sehr ich leben wollte.
Es gibt ein altes Lied von Bettina Wegner von 1979.
Ich verlinke euch das Video unter diesem Text:

"KINDER

Sind so kleine Hände
winz'ge Finger dran.
Darf man nie drauf schlagen
die zerbrechen dann..."

Ja genau das wurde mir bewusst, winzige kleine Hände, ein winziger Körper.
Kleine Knochen die zerbrechlich wirken wie Porzellan.

Erst durch meine Tochter begriff ich erst, was man mir wirklich angetan hat damals.

All die Jahre davor war nur die Erinnerung, Fetzen von Erlebten. Ein dumpfer Schmerz der irgendwie nie verging. Und die Gewissheit, das ich nie Kinder bekommen konnte, denn dort wo ein Kind hätte wachsen sollen, waren Narben die das verhinderten.

Es gibt viele Gründe warum Frauen keine Kinder bekommen können, die meisten Frauen suchen eine Ewigkeit nach einer Erklärung. Meist sind es Krankheiten oder Unfälle, aber machmal ist es auch Gewalt.

Ich glaube nur eine Frau kann wirklich nachfühlen was es bedeutet wenn der Wunsch nach einem kleinen Wesen so heftig ist, dass das eigene Leben unwichtig wird. So war das auch bei mir. Ich habe sogar einen Mann geheiratet um schwanger werden zu können. Und nach meiner 3 Fehlgeburt im 5 Schwangerschaftsmonat, wollte ich es nicht wahr haben. Ich habe niemanden davon erzählt, nicht meinem damaligen Mann und auch keiner Freundin. Ich wollte das Wissen nicht wahrhaben und verschloss es tief in meinem Kopf.
Erst als ich meine Frau kennen lernte öffnete ich mich und ich weiß noch wie oft ich in ihren Armen lag und all den Schmerz herausbrüllte der Jahrelang in mir verborgen lag. Sie war der erste Mensch, dem ich alles erzählte.

Britta wollte damals kein Kind, sie konnte sich nicht vorstellen Mutter zu werden.
Aber es war immer Thema zwischen uns. Und eines Tages konnte ich nicht mehr anders, als erneut einen Versuch zu unternehmen, entgegen dem Rat von meinem Frauenarzt. Ich musste diesen Weg gehen, denn ich war damals nicht so weit um wirklich vom Kinderwunsch abschied zu nehmen.

Vielleicht war es diese Vehemenz mein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen für den Wunsch nach einem Kind. Ich weiß es nicht, ich weiß nur mein ganzes Sein brüllte danach Mutter zu werden. Und meine Frau bekam diesen ganzen Prozess mit.

Und kurze Zeit später entstand Shaya. Shaya - die Würdevolle.
Brittas Schwangerschaft war schwierig, die Geburt war nicht einfach. Aber als ich werde diesen Anblick nie vergessen, als unsere Tochter neben ihr lag, frisch geboren.
Und Britta sah sie an, diesen Blick hatte ich davor noch nie gesehen. Das war pure selbstlose Liebe, Zärtlichkeit, Geborgenheit, Entschlossenheit, Erwartungslosigkeit, Mut - All das in nur einem Blick.
In diesem Moment hätte ich alles dafür gegeben, hätte ich eine Kamera dabei gehabt um diesen Blick einzufangen... leider hatte ich keine, aber ich werde mich immer daran erinnern. Meine Frau hat für mich dieses Kind bekommen, ohne selbst ein Kind zu wollen, aber dieser Blick macht sie zur Mutter.
Zu einer starken, wundervollen, liebenden Mutter.

Hätte ich meine Frau nicht vorher schon unendlich geliebt, ich wäre ihr auf der Stelle verfallen. Dieser Mensch hat mehr für mich getan, als irgendjemand anderer auf dieser Welt, mit Geburt unserer Tochter hat sie mir die Erde zu Füßen gelegt.

Ich habe mich nie als besonders tolle Mutter empfunden. Im Gegenteil manchmal bin ich extrem genervt, genervt von meinen eigenen Genervtsein, meine Tochter ist nämlich in wenigen Dingen genau das Gegenteil von mir, sie macht sich gerne dreckig, springt in die schmutzigste Pfütze, läuft durch jeden Tümpel und wenn wir an einem Springbrunnen sind, hockt sie sich garantiert rein. Sie ist das Pippilangstrumpf Räubertochter Kind. Wäre da nicht der Umstand, das sie wahnsinnig gerne gute Klamotten anzieht, vorzugsweise Weiß und Kleid mit Spitze und so einen Gram, das man nach ihrer Wasser-Pfützen-Session kaum mehr sauber bekommt. Ihre Füße sind immer schmutzig und von ihren Fußnägeln will ich erst gar nicht anfangen.
Die Haare sind immer zerzaust und hätte sie nicht eine allzu nervige Mutter, würden sie irgendwann verfilzen.
Die Anfangsjahre hat sie fast nur Zöpfe getragen, denn sonst hätte ich ihre lange Mähne nicht mehr entwirren können, mittlerweile kämmt ihr ihr langes Haar selbst.

Ich liebe sie so wie sie ist, auch wenn sie manchmal - trotz der Pfützengeschichte -  richtig Konservativ ist. So hat sie uns vor ein paar Tagen klar gemacht, dass sie einen festen Wohnsitz braucht, nachdem wir ihr erzählt haben, dass wir irgendwann in einem Auto leben wollen.

"Könnt ihr gerne machen, ich besuch euch auch gerne, aber ich miete mir dann eine kleine Wohnung und mach eine Ausbildung".

Krass Klar für eine 10 Jährige.

Manchmal glaube ich, ich habe versagt und bin eine schreckliche Mutter. Sie kommt gerade in die Pubertät und ich gebe es offen zu, es ist kompliziert.
Mama in den Wechseljahren, Kind in der Pubertät - Schwierig.
Manchmal krachen wir gewaltig aneinander weil wir uns in dieser Hinsicht so verdammt ähnlich sind.
Manchmal sehe ich sie erst Abends, nachdem sie sich allein entspannt hat - sie braucht dieses Alleine sein. Sie ist gerne alleine, genau wie ich, genau wie ihre Mama - alleine beschäftigen und doch in einem Zimmer, nah beeinander sitzen oder auf unserem Bett liegen - so sind wir alle drei.

Der Sohn meiner Freundin hat ein paar Nächte bei Shaya im Zimmer übernachtet, die beiden verstehen sich prima und wenn es nach seiner Mutter und mir ginge, wären sie schon verlobt :D - Das ist ein Witz, aber zusammen sind sie einfach das Traumpaar.

Na auf jeden Fall hat sie Luc dann irgendwann klar gemacht, dass sie ab sofort wieder ihre Privatsphäre braucht - wörtlich. Somit musste Luc bei seiner Mama schlafen, mit einer Hand voll Teddys. Die Teddyzeit meiner Tochter ist schon lange vorbei.

Manchmal frag ich mich ob sie je eine Teddyzeit hatte. Sie hat nie so gespielt wie andere Kinder, sie stellte die Schleichtiere auf und so blieben sie. Sie setzte ihre Teddys ans Bettende und da blieben sie. Schon als dreijährige hat sie ihre Spielsachen bereitwillig mit zum Flohmarkt gegeben.
Und wenn es nach ihr ginge, hätte sie überhaupt kein Spielzeug - nichts typisch kindliches in ihrem Zimmer. Ich bin die Jenige die daran hängt.

Als sie letzten wieder ihren Schrank ausräumte, waren auch ihre Babyspielsachen darunter, ein Entchen und ein Frosch. Ich habe beides wieder vom Stapel genommen und ich werde es zu den anderen Spielsachen tun, die ich in einer Kiste verwahre.

Für Shaya sind es nur Leblose Dinge, für mich steckt da Seele drin, Erinnerungen. Aber auch Wünsche, Gedanken, Vorstellungen, Erwartungen.
Am Anfang dachte ich noch mein Kind wird wie jedes andere Kind sein.
Da gab es oft Momente da machte ich etwas falsch, weil ich glaubte es richtig zu machen. Shaya war nie wie andere Kinder. Genau wie ich nie ein Kind wie jedes andere Kind war.

Mittlerweile wird sie von anderen Kindern akzeptiert, ich glaube es fängt die Zeit an, da buhlt man um ihre Freundschaft. Anfangs war das nicht so. Die Gleichaltrigen wussten nichts mit ihr anzufangen und sie fand Gleichaltrige langweilig. Die älteren Kinder faszinierten sie und die ganz kleinen liebt sie.

Und das ist auch geblieben. Shaya nimmt sich die Freiheit Kinder gut zu finden, die auf ihrem Level sind, leider sind das nicht viele - und schon bin ich wieder Mutter - für sie gibt es dieses Leider nicht.
Sie hat nicht den Anspruch viele Freunde haben zu müssen. Dadurch das sie gerne alleine ist, reicht ihr der Kontakt in der Schule und während der Ferien, da hatten wir viel Kontakt mit anderen Kindern - manchmal war es zu viel für sie.

Dennoch ist sie beliebt, was sicher an ihrer Art liegt, jeden gleich zu behandeln. Kleine Kinder himmeln sie an, sie kann Stundenlang mit den kleinen spielen. .

Die 5 Jährige Tochter unserer Freunde hat mir letztens gesagt, wiesehr sie Shaya liebt. In solchen Momenten bin ich sehr gerührt. Ich freue mich für meine Tochter und gleichzeitig mach ich mir Sorgen, denn das sie geliebt wird, heißt nicht das meine Tochter genauso starke Gefühle hat.
Sie ist der unabhängigste kleine Mensch der mir je begegnet ist und ich glaube daran sind wir nicht unbeteiligt. Wir haben sie so erzogen, dass sie immer sagen darf was sie denkt, das sie all ihre Gefühle offen legen darf.
Und das sie vieles selbst entscheiden darf, ausprobieren darf.
Wir haben eine Art Familienkonferenz, wenn wir drei in der Sackgasse gelandet sind, oder wenn Shaya etwas will, was wir nicht wollen.
Und wir kommen immer auf einen Nenner.

Eigentlich ist Shaya ein Traumkind für mich, als ich noch jung war, habe ich mir genau eine solche Tochter gewünscht. Selbstbewusst, Selbstständig und mit freiem Willen und einer Meinung die sie sich selbst gebildet hat, durch lesen, erkennen und Mitgefühl.

Shaya wird immer mehr und mehr dieser Mensch.

Ich bin eine sehr glückliche Mutter, mit einer - so sagt sie selbst - glücklichen Tochter.

Ich frag sie oft: "Bist du glücklich?"
Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob sie wirklich versteht was Glück ist. Aber sie antwortet immer:

"Ja wirklich Mami, das bin ich!"

Wenn sie das auch noch antwortet wenn sie älter ist, mit Blick auf ihre eigene Kindheit und unserer Beziehung zueinander, dann erst weiß ich wirklich

Ich bin eine gute Mutter....








Dienstag, 17. Juli 2018

Ungewissheit




"Mich inspiriert Ungewissheit".

Den Satz habe ich gerade gehört und da wurde mir schlagartig klar - Mich auch, total.
Es gibt nichts spannenderes als nichts zu wissen und es nach und nach selbst zu erfahren. Auch wenn es wehtut. Auch wenn es schön ist.

Ich konnte noch nie so recht verstehen, warum Menschen ihre Träume nicht ausleben. Wenn ich wirklich einen Traum habe, wenn ich etwas wirklich will, dann erlebe ich es auch.
So war das schon immer. Deshalb hab ich meine Bücher geschrieben, oder angefangen zu malen. Oder bin in ein Gartenhaus gezogen - ein echtes Tinyhaus mit 8 qm Wohnfläche. Deshalb lebe ich hier in der Nähe vom Meer. Mich fasziniert das andersartige, das Aussergewöhnliche, die Klippe in der Dunkelheit, Sumpf, Moor, Seen, Meere, Bäche, Wasserfälle. Alles was nicht einsehbar ist, das Geheimnisvolle, das Rätselhafte, das Universum.

Ich glaube das liegt an meiner Kindheit. Ich habe die meiste Zeit mit Träumen verbracht und als Kind habe ich mir geschworen, wenn ich die Scheiße überlebe kann ich alles überleben.

Als ich das erste mal mit meiner Schwester abgehauen bin, hatten wir nur Tüten dabei. In zwei der Tüten waren besondere Sachen, unser Spielzeug, Teddys. Ein paar Bücher, einen Tannenzapfen, ein stück Holz.
Unsere Geheimnisse, unsere Wünsche.
Als wir während es regnete eine lange Landstraße entlang liefen, ohne zu wissen wohin sie führt, wollte meine Schwester wieder umkehren. Sie hatte Hunger und war Müde, sie hatte Angst, sie weinte und flehte mich an zurück zu gehen. Aber ich wollte auf keinen Fall zurück. Ich sagte damals sehr hart zu ihr: "Dreh um und geh zurück, ich gehe weiter, mit dir oder ohne dich".
Und dann ging ich weiter.
Und meine Schwester lief mir weinend, resignierend hinterher.

Und während ich so ging, fühlte ich diese unendliche Ruhe in mir. Jeder Schritt ein Schritt in eine Unsicherheit, ins Ungewisse. Aber ich fühlte mich so wohl wie noch nie zuvor. Ich hatte mit jedem Schritt den ich ging, das Gefühl immer stärker zu werden, immer klarer.
Und irgendwann war ich fast beschwingt, während meine Schwester vor sich hinweinte , fing ich an mitten im Regen einen Schritt nach dem anderen zu hüpfen. Ich fühlte mich unendlich frei.

Ich war auch totmüde, ich war hungrig. Wir liefen Stundenlang, um  punkt Mitternacht sind wir abgehauen und so allmählich kam die Sonne hervor. Endlich nahmen uns Autos mit. Das Gefühl blieb. Es blieb auch dann Teil meiner Erinnerung als wir gefasst wurden.

Ich habe dieses Gefühl nie verloren. Ich habe es mir immer wieder geholt. In Situationen als die Welt um mich herum versank in Angst und Schrecken. Als ich hungerte. Als ich drogen nahm. Als Freunde von mir starben. Als ich alleine war.
Während meiner ersten Ehe, während der Trennung. Als ich mich von meiner ersten Freundin trennte und als ich meine Frau kennen lernte und feststellte sie lebt all das was ich nicht bin und ich bin all das was sie nicht kannte.

In all den Jahren war dieses Gefühl in mir - während ich diese verregnete Landstraße entlang lief in eine absolute Ungewissheit. Vollkommen alleine mit meiner Schwester, ohne zu wissen wohin.

Ungewissheit ist mein persönlicher Anker. Ich weiß irgendwas wird kommen und es wird mir neue Erkenntnisse bringen, mich neu formatieren. Ich werde daraus lernen und erfahren und es wird mich tragen.

Vielleicht war ich deshalb nie beständig. Ich hatte nie eine festen Stil, ich häutete mich in bunt oder grau und wieder zurück. Ich war wie ein Chamäleon ich musste alles ausprobieren,  alles hinterfragen,.
Mittlerweile bin ich ruhiger und gesättelter, was sicher an meinem Alter und meiner lädierten Körperlichkeit liegt.
Aber mein Geist ist immer noch auf dem Weg durch den Regen.

Mittlerweile weiß ich, ich werde nie irgendwo ankommen, wo ich für immer bleiben will. Die Welt ist groß und der Weg ist lang.

Eines Tages wird mein Körper sich verabschieden. Vielleicht sitzen wir dann Nachts gemeinsam an einem Fluß, Hand in Hand und ich schlafe an der Schulter meiner Frau für immer ein.

Das ist ein schöner Gedanke.
Auch was danach passieren könnte. Sie legt mich unter einem Busch ab und deckt mich mit Blättern und wildwachsenden Blüten und Vogelfedern zu und dann setzt sie sich ins Auto und fährt der aufgehenden Sonne entgegen.

In meinen Träumen spielt dann Klaviermusik auf, die Kamera zieht weg, so das unser Auto immer kleiner wird, eine endlos lange Straße wird sichtbar und dann wird "fini" eingeblendet. Fertig - das Leben von Jo ist beendet.

Ich träume nie davon das ich meine Frau auf diese Art verabschiede. Das werde ich nicht, nicht so...
das weiß ich.

Für den Fall heb ich mir eine andere Filmsequenz auf.

Für den Fall gibt es keine Ungewissheit... ich weiß was ich dann tue.

Euch einen schönen Abend noch und ich hoffe es wird bald regnen...


Herzlichst die Jo

PS: als ich meiner Frau meinen Text vorlas, schimpfte sie wie ein Rohrspatz und meinte: "Na super, du kannst mich mal!" :D Ich liebe diesen wundervollen Menschen! 

Samstag, 14. Juli 2018

Die Tür zur anderen Seite





Wir leben in Räumen, voller instrumentalisierender Gegenstände. Wir haben uns daran gewöhnt, und mit ihnen den Gegenständen zu entwickeln. Wir tragen sie bei uns, wir hauchen ihnen Leben ein. Wir geben den Materiellen mehr Aufmerksamkeit als dem Immateriellen, dem wirklichen Leben.
Wir leben in diesen Räumen die wir uns selbst geschaffen haben und der Blick nach Draußen durch das Fenster, ist die Welt der Anderen, der Fremden.

Die Realität wird eingesperrt und festgekettet in genau diesen Räume mit ihren Erinnerungen, ihren Gedanken, ihren Empfindungen.

Dabei ignorieren wir die Türen, durch die wir hindurch gehen können. Wenn wir einmal den Mut besessen haben die Türen zu öffnen, hindurchzublicken, erkennen wir die Weite, die Freiheit, die Endlosigkeit. Unser Blick wird dann von nichts aufgehalten werden, keine Mauer, keine Zäune.

Und doch werden wir die Türen wieder schließen, weil wir Angst haben, Angst vor dem Ungewissen, Angst vor den Monstern die uns erscheinen mögen, die dort hausen tief in unserem Gedanken. Wir haben von ihnen gelesen, wir haben sie sogar selbst gesehen, sie erlebt, wir haben ihre Haut berührt und uns von ihnen berühren lassen. In den Räumen die wir uns geschaffen haben, sind diese Monster nicht zuhause. Dort draußen jedoch, hinter den Türen, in dieser Weite, in dieser Ferne, dort könnten sie lauern und auf uns warten.

Und deshalb ist die Tür gefährlich.

Wir geben also den Monstern aus unserer Phantasie, aus unserer Vergangenheit mehr Macht, als dem Wissen um die Freiheit, dem Wissen um die Weite ohne Mauern, Grenzen und Zäune.

Weil wir die Monster kennen.

Aber das Freie, das hinter der Tür zur anderen Seite liegt, das kennen wir nicht.
Wir haben uns mit schönen Dingen bestückt, Haarreifen aus puren Gold, Ringe die voller Edelsteine sind, und Puppen in seidenen Gewändern. Sie liegen in Schachteln und sitzen auf Sofas. Die wir mit Samt bezogen haben.
Dort hocken wir dann zwischen all dem Tand und trinken aus feinsten Porzellan unseren Morgentee.
Wir glauben wirklich, dass es ausreicht wenn die Sonne durch unsere Fenster scheint und der Mond die Räume in silbernes Licht taucht, wir glauben das die Geborgenheit dieser Zimmer uns die Geborgenheit im Inneren gibt, in der wir leben bis zu unserem Lebensende.

Wir glauben das die Welt dort draußen nicht unsere Welt ist, wir damit absolut nichts zu tun haben. Denn wir haben unsere eigene Welt geschaffen.

Aber dem ist nicht so.
Denn die Tür existiert, genau wie das Fenster, das uns Blicke ermöglicht.

Wir glauben wirklich wir hätten mit jedem Blick aus dem Fenster und der Tür die Möglichkeit zu Urteilen, zu Werten, weil wir denken,  dass uns nur dieser eine Blick die absolute Klarheit beschert. Aber der Tag vergeht und ein neuer Tag kommt, und der Blick nach Außen wird dunkel und hell, aber er verändert sich nur langsam, weil es immer der gleiche Blick ist. Denn unser Haus steht fest und auch der Raum ist nicht bewegbar. Nur wir haben die Möglichkeit unseren Horizont zu verändern, indem wir nach Draußen gehen. Mitfühlen, Mitriechen, Mitsein.

Aber solange wir den Monstern in unseren Gedanken und Erinnerungen mehr Macht geben als der Seele die frei sein will, wird die Freiheit eingeschränkt sein, durch ein kleines Fenster nach Draußen.

Ich möchte Neugierig auf Mehr sein und diese Neugierde bewahren, denn sie hat mehr Wert als all meine Heiligtümer. Ich möchte Fenster und Türen weit öffnen und hinaustreten in die Unsicherheit und mit nackten Füßen den Boden erkunden. Und Pflanzen berühren von denen ich dachte sie seien Giftig. Ich will den Monstern erneut begegnen und an ihnen vorbei laufen, lachend und sie hinter mir lassen für immer.

Ich will rennen und stolpern und wieder aufstehen. Die Freiheit genießen, und auch den Schmerz und die Angst. Denn all das ist da um gelebt zu werden. Ich möchte mich umdrehen und meinem Haus mit den sicheren Räumen und Mauern und Zäunen einen letzten Blick zuwerfen. Mich erinnern und es dann Vergangenheit sein lassen. .

Und weiter gehen, weiter gehen. Weiter gehen in eine Ungewissheit. Mit der Neugierde eines Kindes möchte ich das Leben erkunden, mit einer Lupe und einem Wasserglas.

Und wenn ich nicht mehr Barfuß laufen kann, dann möchte ich um die Schuhe anderer bitten, auf das ich ihre Schritte fühlen darf.

Und erst dann wenn ich genug gewandert bin, in den Schuhen dieser Fremden, erst dann kann ich werten und urteilen.

Erst dann bin ich wirklich frei.



Foto: Meine Tochter vor ihrem Zimmerfenster.





Donnerstag, 12. Juli 2018

Meine Sonne, mein Meer...


Wieder eine Momentaufnahme.
Ich sitze auf dem Deich, mit Blick auf das Meer, das so Endlos erscheint. Ich höre über mir die Möwen und wenn ich tief einatme, schmecke ich das Salz auf auf meiner Zunge.
Jedesmal geht es mir so, wenn die Tiefe meines Selbst das Meer berührt.

Ich fühle diese unglaubliche Leidenschaft, das Aufbäumen des Wassers, die Wellen, die Gischt und doch ist in mir diese Ruhe. Ich fühle und meine Gedanken schweigen.

Das Meer ist für mich der Ort der mich zu mir selbst bringt. Ich habe darin meinen eigenen Spiegel gefunden, meine eigene sichtbare Tiefe. Der Salzgeschmack ist wie die Liebkosung meiner Geliebten im wilden Liebesspiel.
Das Meer lässt mich flüssig werden in mir selbst, wie Blei das geschmolzen ist und dann irgendwann wieder erhärtet. So empfinde ich es. Es ist pure Energie, es flutet mich.

Wenn ich hier sitze, habe ich zwei Frauen an meiner Seite, das Meer ist für mich absolut Weiblich, es ist sinnlich, es ist wildzärtlich. Sanft und voller Wut, Aggression, die Zicke die gerade ihren Eisprung hat, das Meer es gebärt sich immer wieder selbst. Und meine Frau, die wie ich aufs Meer blickt und ihre eigenen Gedanken und Gefühle hat. Manchmal begegnen sich unsere Blicke, diese Tiefe der Sonne spiegelt sich darin. Und sie berührt mich auf einer Ebene die tief in mir ruht.

Die schönsten Momente hatte ich im untergehenden Sonnenlicht. Ich fühle dann die beruhigende Müdigkeit. Der Tag kann vorher noch so heiß gewesen sein, wenn die Sonne untergeht fröstelt es mich leicht, ich ziehe die Jacke enger um meinen Körper, schmiege mich sanft hinein, schützend, während sich das Meer von Blau zu einem sanften Rosè in ein tiefes Orange verwandelt, bis es fast golden wirkt. Und die Sonne nach und nach hinter der Endlichkeit meines Blickes verschwindet.
Dieses Schauspielt raubt mir immer wieder die Sinne. Es ist so unglaublich faszinierend, die Sonne verschwinden zu sehen. Erst dann wird so richtig bewusst wie rund unsere Erde ist und das am Ende meines Blickfeldes der große Bogen ist und ich weiß, die gleiche Sonne geht jetzt irgendwo auf.


Ein ewiger Kreislauf, sie ist immer da, aber nicht immer sichtbar. Stattdessen erscheinen nach und nach Sterne und in der Ferne taucht wie aus Zauberhand der Mond auf und erleuchtet das Meer in ein Silberlicht.

Ich kann nicht mit Worten beschreiben wie sehr ich das Liebe. Meist werde ich ganz sanft in mir, unendlich ruhig, während mein Atem mich Atemlos macht und wenn ich meine Frau berühre möchte ich oft mehr, uns einsam, alleine am Strand. Ich würde ihr jedes Kleidungsstück vom Körper reißen und mit ihr nackt im Mondlicht tanzen, unsere Beine würden im Wasser versinken und von der Gischt der aufkommenden Wellen umspielt werden. Wir würden uns lieben und lieben und lieben...


Zügellos.
Ich möchte Zügellos sein und die Härchen auf meiner Haut stellen sich hoch und der Wind lässt sie tanzen.
Ich schließe die Augen und schmiege mich noch mehr meinen Felsenmenschen neben mir, sie gibt mir Wärme, legt beide Arme um mich, hält mich, berührt mich mit ihrer Stärke und ihrer Schwäche. Sie ist meine Sonne auf der anderen Seite der Welt. Und wir atmen gemeinsam Atemlos in die aufkommende Nacht.

Und während die Nacht dunkler wird, sitzen zwei ältere Frauen auf dem Deich in Gedanken versunken mit einem Lächeln im Gesicht...


Für meine Frau

In Liebe...

Samstag, 7. Juli 2018

Das Monster in mir


Ich glaube jeder Mensch trägt ein Monster in sich.
Ein Monster voller Geiz, Neid, Missgunst, Herrschsucht, Aggression und Gewalt, ein Monster das töten könnte, wenn es wollte.

Wir Menschen haben das Potential zu töten ohne Scham oder Trauer zu empfinden, wir töten aus Wut, oder weil wir andere beschützen wollen, aus Gier oder Neid... es gibt so viele Gründe warum wir bereit sind anderen zu schaden.

Als ich anfing mich mit dem Buddhismus zu beschäftigen stellte ich fest, dass ich ein Neidischer Mensch bin. Ich war nicht darauf Neidisch das jemand erfolgreicher war als ich. Nein es waren die Menschen die eine tolle Kindheit hatten, tolle Eltern, auf die ich neidisch war. Menschen die in Urlaub fahren konnten. Geld für mehr Essen, oder mal ein tolles Kleidungsstück - Kleinigkeiten. Ich war Neidisch auf all die Menschen die unbeschwerter waren als ich.

Ich fühlte den Neid wenn ich einkaufen ging und der Mensch vor mir den Wagen voll hatte mit Sachen die gerne mal probiert hätte, aber die ich mir nicht leisten konnte. Oder Neid weil eine Mutter mir erzählte, was ihre Tochter alles zum Geburtstag bekam, während wir unserer Maus nur eine Kleinigkeit kaufen konnten. Oder auf Leute die so alt waren wie ich und mir erzählten wie toll ihre Kindheit war.

Neid ist mein ganz persönliches Monster, das an mir selbst nagte.

Durch den Buddhismus habe ich begriffen, das all diese Gefühle wie Neid, Missgunst, Wut, nur Teile in uns sind, die erhört werden wollen, auf das sie verarbeitet werden und gehen dürfen.
Teile unserer eigenen Kindheit, verborgene Trauer, verborgene Wut.

Ich habe gelernt meinen Neid zu verarbeiten, ihn zu betrachten und ihn gehen zu lassen.

Aber ich habe noch nicht alle alten Muster erkannt, noch nicht alle verborgene Trauer und Wut gehen lassen können.
Manches betrachte ich es mir und streichel es, wie ein Tier. Ich nenne es das Monster in mir.

Das Monster das hin und wieder noch gehört werden muss. Momentan ist es die Trauer, die eigentlich Wut ist. Manchmal weine ich, während mein Herz wütend ist, ich aber die Wut nicht ausleben kann, oder möchte und deshalb entwickelt sich Trauer in mir.

Trauer über unsere finanzielle Situation, Trauer darüber das ich nicht einfach meine Koffer packen kann und Deutschland verlassen kann. Trauer über die Menschen die im Mittelmeer sterben. Trauer über unsere politische Situation hier in Europa. Wut wäre besser, dann könnte ich brüllen und gegen die Wand hauen und fluchen. Ich könnte andere Menschen mobilisieren, auf das wir auf die Straßen gehen und Demonstrieren. Ich könnte sogar unserer Kanzlerin einen Eimer Farbe über den Kopf kippen, total ausrasten, irgendwas kaputt hauen.  Wut ist kreativer als Trauer.
Aber ich tue es nicht. Stattdessen habe ich heute morgen im Bett gesessen und geweint. Irgendjemand muss doch weinen, um die vielen Kinder die gestorben sind...

Trauer geht nach innen und Wut nach außen. Doch beides ist untrennbar miteinander verbunden.

Das Monster in mir will gehört werden.
Es will nach außen und es will flüchten.

Seit Jahren habe ich diese Gefühl in mir, ich will weg aus Deutschland und der Gedanke es wird noch 8 Jahre dauern, bis ich endlich von hier weg kann, ist unerträglich und doch sagt mein Verstand, das ich alles gut planen muss.

Es ist nicht einfach mit Fluchtgedanken zu leben, aber nicht flüchten zu können.

Ich fühle mich wie ein frisch eingefangenes Pferd im Gehege. Im Inneren werfe ich mich gegen den Zaun, ich bäume mich auf, ich will raus, ich will frei sein.

Ich habe angst, dass ich irgendwann ausbreche.... und alles hinter mir lasse.

Da ist ein Monster in mir und solange es noch schreiben kann, komm ich mit der Welt um mich herum noch klar... glaube ich , hoffe ich....